Glaube – was bedeutet eigentlich glauben?

Eine kleine Frage mit einer ziemlich großen Bedeutung: Was bedeutet eigentlich glauben? Wir benutzen dieses Wort ständig. „Ich glaube, morgen regnet es.“ „Ich glaube, das klappt schon.“ „Ich glaube, er kommt später.“ Aber ist das wirklich das Gleiche wie der Glaube, von dem die Bibel spricht? Wenn ich sage: „Ich glaube, dass morgen die Sonne scheint“, dann weiß ich es nicht wirklich. Ich vermute es. Vielleicht scheint sie, vielleicht auch nicht. Und wenn sie nicht scheint, kann ich am nächsten Tag ziemlich entspannt sagen: „Tja, habe ich mich wohl geirrt.“ Beim Glauben an Gott sieht die Sache etwas anders aus. Da geht es nicht einfach um eine Vermutung oder darum, dass ich etwas für möglich halte. Es geht um Vertrauen, Überzeugung und darum, worauf ich mein Leben ausrichte. Und genau deshalb lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Was ist Glaube eigentlich? Ist Glaube das Gegenteil von Wissen? Ist Glauben vielleicht nur etwas für Menschen, die keine Antworten haben? Oder kann man glauben und trotzdem seinen Verstand benutzen? Schauen wir uns das einmal aus verschiedenen Blickwinkeln an.


Was bedeutet Glauben überhaupt?

Das deutsche Wort „glauben“ kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Im Alltag bedeutet es häufig so etwas wie „vermuten“, „annehmen“ oder „für wahrscheinlich halten“. Wenn jemand sagt: „Ich glaube, der Bus kommt gleich“, dann hat er meistens keine göttliche Offenbarung über den Fahrplan erhalten. Er vermutet es einfach. Vielleicht hat er auf die Uhr geschaut, vielleicht kennt er den Fahrplan, vielleicht steht er auch einfach schon seit einer halben Stunde an der Haltestelle und hofft inzwischen inständig, dass überhaupt noch ein Bus kommt. Beim biblischen Glauben geht es jedoch um etwas anderes. Dort steht nicht nur die Frage im Raum, ob ich die Existenz Gottes für möglich halte. Es geht um Vertrauen. Ich vertraue Gott. Ich vertraue darauf, dass ER ist, wer ER sagt, dass ER ist. Und daraus entsteht eine Beziehung. Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied: Glaube bedeutet im christlichen Sinn nicht einfach, dass ich denke, dass Gott existiert. Glaube bedeutet, dass ich IHM vertraue.


„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“
Hebräer 11,1


Das ist eine ziemlich interessante Beschreibung. Denn der Verfasser des Hebräerbriefes sagt nicht: „Glaube bedeutet, dass du aufhören musst zu denken.“ Er spricht von Zuversicht und von Dingen, die man nicht sieht. Das ist etwas anderes. Ich kann vieles nicht sehen und trotzdem wissen, dass es existiert. Ich sehe zum Beispiel keine Gedanken. Trotzdem weiß ich, dass ich welche habe. Ich sehe auch keine Schwerkraft. Trotzdem würde ich nicht empfehlen, aus dem dritten Stock zu springen und anschließend zu überprüfen, ob die Theorie wirklich stimmt. Manche Dinge erkenne ich also nicht unmittelbar mit meinen Augen, sondern anhand ihrer Auswirkungen.



Glaube aus philosophischer Sicht

Auch die Philosophie beschäftigt sich seit sehr langer Zeit mit der Frage, was Wissen und Glauben voneinander unterscheidet. Was kann ich eigentlich sicher wissen? Was nehme ich nur an? Wann ist eine Überzeugung begründet? Und kann man etwas glauben, obwohl man es nicht vollständig beweisen kann?

Hier wird es interessant, denn wir Menschen leben ständig mit Annahmen, die wir nicht mathematisch beweisen können. Ich vertraue darauf, dass mein Gegenüber mir die Wahrheit sagt. Ich vertraue darauf, dass morgen die Welt noch einigermaßen so funktioniert wie heute. Ich vertraue darauf, dass meine Erinnerungen nicht komplett erfunden sind. Ich kann vieles davon begründen, aber nicht alles mit absoluter Sicherheit beweisen. Trotzdem richte ich mein Leben danach aus.

Genau an diesem Punkt wird es philosophisch spannend. David Hume machte darauf aufmerksam, dass selbst unsere Erwartung, die Zukunft werde sich ähnlich verhalten wie die Vergangenheit, nicht logisch bewiesen werden kann. Unsere Erfahrung zeigt uns Regelmäßigkeiten – aber daraus folgt nicht mit mathematischer Notwendigkeit, dass sie morgen genauso weitergehen müssen. Hume bezeichnet deshalb die Gewohnheit als einen entscheidenden Grund dafür, warum wir aus vergangenen Erfahrungen Erwartungen für die Zukunft bilden.

Das klingt zunächst ziemlich theoretisch, betrifft aber unser ganz normales Leben. Ich steige morgens nicht aus dem Bett und überprüfe erst philosophisch, ob die Schwerkraft heute noch funktioniert. Ich gehe schlicht davon aus. Und normalerweise ist das auch eine ziemlich vernünftige Entscheidung.

Auch Immanuel Kant unterschied sehr deutlich zwischen dem, was wir erkennen können, und Fragen, die über unsere mögliche Erfahrung hinausreichen. Berühmt geworden ist sein Satz:

„Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“

Kant wollte damit nicht sagen, man solle seinen Verstand ausschalten. Im Gegenteil: Seine Kritik sollte gerade zeigen, wo die Grenzen menschlicher Erkenntnis liegen. Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit lassen sich für Kant nicht einfach wie ein Gegenstand der Naturwissenschaft beweisen. Daraus folgt aber ebenso wenig, dass sie dadurch automatisch widerlegt wären.

Philosophisch betrachtet ist Glaube deshalb nicht automatisch etwas Unvernünftiges. Eine Überzeugung kann Gründe haben, auch wenn sie kein mathematischer Beweis ist. William James ging noch einen Schritt weiter. Er argumentierte, dass es Entscheidungen gibt, bei denen die Beweislage eine Frage nicht endgültig entscheidet, wir aber trotzdem handeln oder uns entscheiden müssen. Er bezeichnete solche Entscheidungen unter bestimmten Voraussetzungen als eine „genuine option“, also eine echte beziehungsweise existenziell bedeutsame Wahl. Gerade religiöse Fragen können für einen Menschen eine solche Wahl darstellen.

Aber hier muss man auch die andere Seite hören. Denn Philosophie ist keine Werbeveranstaltung für den Glauben. 😄

Der britische Philosoph William Kingdon Clifford vertrat eine ausgesprochen strenge Gegenposition. Er schrieb:

„It is wrong always, everywhere, and for anyone, to believe anything upon insufficient evidence.“

Sinngemäß: Es sei falsch, etwas ohne ausreichende Belege zu glauben. Clifford warnte besonders davor, Zweifel einfach zu verdrängen oder nur deshalb etwas für wahr zu halten, weil man es gelernt bekommen hat oder weil eine Autorität es behauptet.

Und diese Kritik sollte ein gläubiger Mensch meiner Meinung nach nicht einfach vom Tisch wischen. Denn Glaube bedeutet nicht, jede Behauptung ungeprüft zu schlucken.

Wenn ich behaupte, mein Kühlschrank sei eigentlich ein verkleideter Außerirdischer, wird das durch meinen festen Glauben daran nicht plötzlich zur wissenschaftlichen Tatsache. Das wäre dann doch etwas dünn und irgendwie seltsam.

Starker Glaube macht eine falsche Behauptung nicht wahr.

Deshalb darf auch religiöser Glaube nach Gründen fragen. Er darf hinterfragen, prüfen und Zweifel zulassen. Gerade die Philosophie zwingt uns dazu, zwischen einem begründeten Vertrauen und einer bloßen Behauptung zu unterscheiden. Und das ist ihr gutes Recht.

Glaube braucht also einen Gegenstand und Gründe, auf denen dieser Glaube beruht. Im christlichen Glauben ist dieser Gegenstand nicht irgendeine anonyme Energie, sondern Gott und ganz besonders Jesus Christus.

Und damit entsteht eine interessante Spannung:
Der Philosoph kann fragen, ob mein Glaube vernünftig begründet ist. Er kann aber nicht allein dadurch entscheiden, ob Gott tatsächlich existiert. Genau an dieser Grenze beginnt die eigentliche Auseinandersetzung zwischen Philosophie, Theologie und persönlichem Glauben.


Und was sagt die Psychologie dazu?

Auch die Psychologie beschäftigt sich mit dem Glauben. Allerdings stellt sie zunächst eine ganz andere Frage als die Theologie. Sie fragt nicht unbedingt: „Gibt es Gott?“, sondern vielmehr:
„Warum glauben Menschen überhaupt? Was macht dieser Glaube mit ihnen? Wie verändert er ihr Denken, ihre Gefühle und vielleicht sogar ihr Handeln und tun?“

Und genau da wird es interessant.

Wenn ein Mensch betet und dabei inneren Frieden empfindet, dann kann die Psychologie diesen Menschen untersuchen. Sie kann Stressreaktionen messen, Emotionen beobachten, sein Verhalten untersuchen und mittlerweile sogar schauen, was dabei in verschiedenen Bereichen seines Gehirns passiert. Was sie allerdings nicht machen kann, ist anschließend triumphierend aus dem Labor kommen und verkünden: „Meine Damen und Herren, wir haben Gott gefunden!“

So einfach ist es dann doch nicht. Leider.

Aber genauso wenig kann die Psychologie sagen: „Wir können religiöse Erfahrungen psychologisch erklären, also gibt es Gott nicht.“ Denn das wäre derselbe Denkfehler nur andersherum. Gott sei Dank

Die Psychologie kann untersuchen, was Glaube im Menschen bewirkt und welche psychischen Prozesse daran beteiligt sind. Ob hinter diesem Glauben tatsächlich Gott steht, ist eine völlig andere Frage.

Glaube als psychologische Kraft

Dass Glaube Menschen Halt geben kann, dürfte zunächst niemanden sonderlich überraschen. Menschen können durch ihren Glauben Hoffnung entwickeln, Gemeinschaft erleben, ihrem Leiden einen Sinn geben und auch in schwierigen Situationen eine innere Orientierung behalten.

Der amerikanische Psychologe Kenneth I. Pargament hat sich intensiv damit beschäftigt, wie Menschen Religion zur Bewältigung schwieriger Lebenssituationen einsetzen. In der Psychologie spricht man dabei von „religious coping“, also religiöser Bewältigung.

Und jetzt kommt etwas, was ich ausgesprochen wichtig finde: Pargament unterscheidet zwischen positiver und negativer religiöser Bewältigung.

Ein Mensch kann beispielsweise schwer krank werden und sagen:

„Ich verstehe nicht, warum das passiert. Aber ich vertraue darauf, dass Gott mich auch durch diese Zeit begleitet.“

Dieses Vertrauen kann Hoffnung, Halt und Kraft geben.

Ein anderer Mensch erlebt dieselbe Situation und denkt:

„Gott bestraft mich. Ich muss etwas falsch gemacht haben. Gott hat mich verlassen.“

Auch das ist religiöses Denken. Aber die psychologischen Auswirkungen können vollkommen anders aussehen.

Untersuchungen von Pargament und anderen Forschern zeigen tatsächlich solche unterschiedlichen Zusammenhänge: Positive Formen religiöser Bewältigung stehen häufiger mit günstigeren psychischen Ergebnissen in Verbindung, während religiöse Konflikte, das Gefühl, von Gott verlassen oder bestraft worden zu sein, mit stärkerer Belastung verbunden sein können.

Mit anderen Worten: Nicht alles, wo „Glaube“ draufsteht, tut einem Menschen automatisch gut.

Ja und dat sollten gerade gläubige Menschen ruhig einmal hören.

Wenn Religion einem Menschen ständig einredet, er sei wertlos, Gott warte nur darauf, ihn beim nächsten Fehler ordentlich eins überzubraten, oder jede Krankheit sei eine göttliche Bestrafung, dann braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn dieser „Glaube“ irgendwann mehr Angst als Hoffnung erzeugt.

 

William James: Schau dir die Früchte an

Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James ging Anfang des 20. Jahrhunderts einen bemerkenswerten Weg. In seinem berühmten Werk The Varieties of Religious Experience untersuchte er religiöse Erfahrungen nicht einfach danach, woher sie möglicherweise psychologisch stammen. Ihn interessierte auch, welche Früchte sie im Leben eines Menschen hervorbringen.

Das gefällt mir und ist dazu noch biblisch. Denn man kann natürlich stundenlang darüber diskutieren, warum ein Mensch glaubt. Kindheit? Erziehung? Angst? Hoffnung? Persönlichkeit? Gesellschaft? Vielleicht von allem ein bisschen.

Aber irgendwann darf man auch fragen:

Was kommt dabei heraus?

Macht mich mein Glaube liebevoller oder liebloser? Barmherziger oder hartherziger? Hilft er mir, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen – oder benutze ich Gott als Ausrede für jeden Unsinn, den ich veranstalte?

Ein Glaube kann noch so fromm klingen. Wenn am Ende Hass, Angst und Menschenverachtung herauskommen, sollte man vielleicht einmal nachsehen, was da eigentlich im geistlichen Kochtopf gelandet ist. Wie es bei manchen religiösen Gruppen der Fall ist.

 

Freud hielt dagegen, natürlich...

Und natürlich darf in einer psychologischen Betrachtung des Glaubens Sigmund Freud nicht fehlen.

Freud sah Religion ausgesprochen kritisch. In Die Zukunft einer Illusion brachte er religiöse Vorstellungen unter anderem mit dem menschlichen Bedürfnis nach Schutz und der Erfahrung des Vaters im Himmel, in Verbindung. Vereinfacht gesagt stellte er die Frage, ob der erwachsene Mensch sich eine schützende Vaterfigur vorstellt, weil er sich angesichts einer manchmal ziemlich beängstigenden Welt wieder nach Schutz und Geborgenheit sehnt.

Das ist für einen gläubigen Menschen zunächst keine besonders schmeichelhafte Erklärung. Aber warum sollte man davor weglaufen?

Freuds Kritik stellt nämlich eine durchaus interessante Frage:
Glaube ich an Gott, weil Gott existiert – oder glaube ich an Gott, weil ich unbedingt möchte, dass jemand da ist, der mich beschützt?

Darüber darf man ruhig nachdenken.

Nur beweist auch diese psychologische Erklärung weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes. Wenn ich Hunger habe, kann ein Psychologe wahrscheinlich ziemlich genau erklären, warum ich Hunger empfinde. Damit hat er aber noch lange nicht bewiesen, dass es keine Pizza gibt – oder ob mein Kühlschrank leer oder voll ist. 

Und ich persönlich halte die Existenz von Pizza für außerordentlich gut belegt.

Psychologische Erklärungen für ein Bedürfnis sagen also zunächst etwas über den Menschen aus – nicht automatisch über die Existenz oder Nichtexistenz dessen, wonach sich dieser Mensch sehnt. Ein absoluter Unterschied, den es zu respektieren gilt.

 

Und dann kommt C. G. Jung ...

Carl Gustav Jung betrachtete Religion wesentlich anders als Freud. Religiöse Bilder, Symbole und Erfahrungen nahmen in seiner analytischen Psychologie einen bedeutenden Platz ein. Ihn interessierte die innere Welt des Menschen und die Frage, was geschieht, wenn wir uns mit ihr wirklich auseinandersetzen.

Von Jung stammt in einem Brief aus dem Jahr 1916 der berühmte Gedanke:

„Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, erwacht.“

Und dieser Satz gefällt mir richtig gut.

Denn wir Menschen sind Meister darin, nach außen zu schauen. Was macht der Nachbar? Was denken die anderen über mich? Warum besitzt der mehr als ich? Warum sieht dessen Leben bei Instagram so fantastisch aus, während bei mir gerade die Waschmaschine kaputtgeht? Jo Shit Happens halt.

Nur nach innen schauen wir erstaunlich selten. Dabei sitzen dort unsere Ängste, unsere Hoffnungen, unsere Verletzungen, unsere Sehnsüchte – und eben auch die Frage, worauf wir unser Leben eigentlich bauen.

 

Kann Glaube sogar den Körper beeinflussen?

Hier müssen wir ein bisschen vorsichtig werden.

Unser psychisches Erleben und unser Körper sind keine zwei völlig voneinander getrennten Welten. Stress, Angst, Hoffnung, soziale Unterstützung und unsere Art, mit Belastungen umzugehen, können körperliche Prozesse beeinflussen. Deshalb untersucht die Forschung auch Zusammenhänge zwischen Religion beziehungsweise Spiritualität und psychischer wie körperlicher Gesundheit.

Es gibt beispielsweise Studien über religiöse Bewältigung bei schweren Erkrankungen und über Zusammenhänge mit Wohlbefinden und Gesundheit.

Aber daraus dürfen wir jetzt bitte keinen christlichen Zaubertrank machen.

Glaube ist kein Medikament.

Und wer ernsthaft krank ist, sollte nicht seine Tabletten in die Mülltonne werfen und sagen: „Der Löwe hat geschrieben, ich muss nur genug glauben.“

Nein. Das habe ich nicht geschrieben! Und würde das auch nie behaupten.

Glaube ersetzt keinen Arzt, keine notwendige medizinische Behandlung und auch keine Psychotherapie. Aber Glaube kann für einen Menschen neben medizinischer und psychologischer Hilfe eine zusätzliche Quelle von Hoffnung, Sinn, Kraft und innerem Halt sein.

Und auch das Gegenteil ist möglich: Ein angstbesetzter oder von Schuld und religiösen Konflikten geprägter Glaube kann einen Menschen zusätzlich belasten.

Deshalb müssen wir ehrlich bleiben. Die Psychologie kann Gott weder beweisen noch wegtherapieren

 

Und damit kommen wir wieder zu unserer Ausgangsfrage:

Die Psychologie kann erstaunlich viel über unseren Glauben herausfinden. Sie kann untersuchen, warum Menschen glauben, wie religiöse Erfahrungen verarbeitet werden, welche Rolle Gemeinschaft spielt und warum bestimmte Formen des Glaubens Menschen stärken, während andere sie belasten können.

Aber irgendwann kommt auch die Psychologie an eine Grenze. Sie kann untersuchen, was mein Glaube mit mir macht. Sie kann untersuchen, warum ich möglicherweise glaube. Aber sie kann mit ihren Methoden nicht abschließend beantworten, ob der Gott, an den ich glaube, tatsächlich existiert.

Und deshalb lautet die psychologisch interessante Frage vielleicht tatsächlich nicht nur:

„Glaubst du?“

Sondern:

„Woran glaubst du?“

Und noch viel wichtiger:

„Wem vertraust du?“

Denn worauf du dein Vertrauen setzt, wird irgendwann Einfluss darauf haben, wie du dein Leben führst. Setze ich mein gesamtes Vertrauen auf Geld, wird Geld irgendwann mein Leben bestimmen. Setze ich es ausschließlich auf andere Menschen, werde ich früher oder später feststellen, dass Menschen eben Menschen sind – einschließlich mir selbst. Der christliche Glaube behauptet dagegen etwas ziemlich Gewaltiges: Dass der Mensch sein letztes Vertrauen auf Gott setzen darf. Ob diese Behauptung wahr ist, entscheidet allerdings nicht die Psychologie. Damit müssen wir uns an anderer Stelle beschäftigen.

 


Glaube aus theologischer Sicht

 

Aus christlicher Sicht beginnt Glaube nicht bei einem religiösen Regelwerk. Er beginnt bei Gott. Und im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht Jesus Christus. Der christliche Glaube sagt nicht einfach: „Glaub an irgendetwas Gutes, dann wird schon alles funktionieren.“ Das wäre eher eine spirituelle Wundertüte. Im christlichen Glauben geht es um eine konkrete Person, um Jesus Christus, um SEIN Leben, SEINEN Tod am Kreuz und SEINE Auferstehung.


„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Johannes 14,6


Das sind sehr deutliche Worte von Jesus. ER sagt nicht: „Ich bin einer von vielen Wegen.“ ER sagt: „Ich bin der Weg.“ Genau deshalb ist christlicher Glaube für mich nicht einfach eine Meinung unter vielen. Es geht um die Frage, ob ich Jesus Christus vertraue und IHM mein Leben anvertraue. Dabei bedeutet Glauben nicht, dass ich auf jede Frage sofort eine Antwort habe. Im Gegenteil. Ich kann glauben und trotzdem Fragen haben. Ich kann glauben und Zweifel erleben. Ich kann etwas nicht verstehen und trotzdem darauf vertrauen, dass Gott größer ist als mein Verständnis. Das gehört für mich zum Glauben dazu.


Glaube ist nicht dasselbe wie Blindheit

Manchmal wird Christen vorgeworfen: „Ihr glaubt doch nur blind.“ Aber ist das wirklich so einfach? Blindheit wäre für mich, wenn ich bewusst keinerlei Fragen zulasse und einfach alles für wahr halte, nur weil jemand es behauptet. Christlicher Glaube muss aber nicht so funktionieren. Man darf fragen. Man darf suchen. Man darf nachdenken. Man darf sich mit Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaft und Theologie beschäftigen. Und man darf sogar sagen: „Das verstehe ich momentan nicht.“ Das macht einen Menschen nicht automatisch zu einem schlechten Christen.

Glaube und Verstand sind deshalb für mich keine natürlichen Feinde. Ich muss meinen Verstand nicht an der Kirchentür abgeben. Im Gegenteil. Gott hat uns einen Verstand gegeben, und ich halte es für sinnvoll, ihn auch zu benutzen. Glaube beginnt nicht dort, wo Denken aufhört. Glaube kann dort beginnen, wo mein Denken an eine Grenze kommt und ich trotzdem eine Entscheidung darüber treffen muss, wem ich vertraue.

 

Der Unterschied zwischen Hoffnung und Glauben

Hoffnung und Glaube gehören zusammen, sind aber nicht genau dasselbe. Hoffnung richtet sich häufig auf etwas, das noch kommen soll. Ich hoffe auf Heilung. Ich hoffe auf eine bessere Zukunft. Ich hoffe, dass eine schwierige Situation gut ausgeht. Glaube kann diese Hoffnung tragen, geht aber noch weiter. Glaube bedeutet: Ich vertraue Gott auch dann, wenn ich noch nicht weiß, wie die Sache ausgehen wird.


„Dies habe ich mit euch geredet, auf dass ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Johannes 16,33


Das bedeutet nicht, dass ein Christ niemals Angst hat oder niemals traurig ist. Natürlich haben wir Angst. Natürlich zweifeln wir manchmal. Natürlich gibt es Situationen, in denen wir uns fragen: „Gott, wo bist du eigentlich gerade?“ Glaube bedeutet nicht, dass solche Fragen verboten sind. Für mich bedeutet Glaube vielmehr, dass ich trotz dieser Fragen nicht einfach alles hinschmeiße. Ich halte mich an Gott fest, auch wenn ich IHN gerade nicht verstehe.

 

Glaube verändert den Menschen

Echter Glaube bleibt meiner Meinung nach nicht nur im Kopf. Wenn ich jemandem wirklich vertraue, hat dieses Vertrauen Auswirkungen darauf, wie ich mich verhalte. Wenn ich einem Menschen vertraue, gehe ich anders mit ihm um, als wenn ich davon ausgehe, dass er mich ständig belügt. Und wenn ich Gott vertraue, sollte das ebenfalls Auswirkungen auf mein Leben haben. Nicht weil ich mir dadurch den Himmel verdienen könnte. Das funktioniert nicht. Wir können uns die Erlösung nicht durch genügend gute Taten zusammenbasteln. Der christliche Glaube sagt vielmehr, dass gute Werke eine Folge des Glaubens sein können.


„So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.“
Jakobus 2,17


Das bedeutet für mich: Wenn ich sage, dass ich Jesus Christus vertraue, dann sollte dieses Vertrauen irgendwann auch in meinem Leben sichtbar werden. Wie ich mit anderen Menschen umgehe. Wie ich vergebe. Wie ich mit Schuld umgehe. Wie ich mit meinem Nächsten umgehe. Wie ich mit meinem eigenen Leben umgehe. Natürlich gelingt das nicht immer. Wir sind schließlich Menschen und keine wandelnden Heiligenscheine. Aber der Glaube darf etwas mit uns machen.

 

Und was bedeutet Glaube nun für mich?

 

Für mich ist Glaube letztlich eine Entscheidung des Vertrauens. Nicht die Entscheidung: „Ich weiß jetzt alles.“ Das werde ich vermutlich niemals. Es gibt Dinge, die ich nicht erklären kann. Es gibt Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Und es gibt Dinge, die ich wahrscheinlich auch in diesem Leben nicht vollständig verstehen werde. Aber ich kann trotzdem entscheiden, wem ich vertraue.

Ich kann sagen: Jesus Christus, ich vertraue DIR. Ich glaube, dass DU der bist, der DU gesagt hast zu sein. Ich glaube, dass DU für meine Schuld am Kreuz gestorben und auferstanden bist. Ich glaube, dass ich mich nicht selbst erlösen kann und dass ich DICH brauche. Das ist für mich Glaube. Nicht einfach die Vermutung, dass irgendwo vielleicht ein Gott existiert. Nicht das blinde Nachsprechen von irgendwelchen religiösen Sätzen. Und auch nicht die Hoffnung, dass ich durch ein paar gute Taten irgendwann eine Eintrittskarte für den Himmel bekomme.

Glaube ist Vertrauen.

Und deshalb würde ich die ursprüngliche Frage am Ende ganz einfach beantworten: Glaube bedeutet nicht nur: „Ich denke, dass Gott existiert.“ Glaube bedeutet: „Ich vertraue Gott.“ Und wenn dieser Glaube auf Jesus Christus gerichtet ist, wird daraus mehr als eine philosophische Idee oder eine psychologische Hilfe. Es wird eine Beziehung zu Gott.

Soviel erst einmal dazu.

Liebe Grüße,
derLöwe

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